Kunst

Wir haben drei Beispiele aus den vielen Objekten moderner Kunst ausgewählt, die Sie in Coesfeld finden können:


1. Das Mahnmal von Jörg Heydemann für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am Ehrenmal am Jakobiwall / Gartenstraße


Von diesem Tatbestand geht mein Entwurf aus.

Die vorhandene Anlage ist Teil meiner Konzeption: ich belasse das Vorgefundene - alter Jakobifriedhof, Hochkreuz und Ehrenmal - im Wissen um die Bedeutung historischer Bezüge. Ich betrachte es als ein geistiges archäologisches Feld und somit als die Freilegung von Materialisationen menschlicher Haltungen.

Das Mahnmal soll die Unverhältnismäßigkeit gewaltherrschaftlicher Mittel und Methoden sowie deren Auswirkungen auf den einzelnen Menschen erkennen lassen und dadurch eine Auseinandersetzung mit den Themen Gewalt, Unterdrückung und Krieg hervorrufen.

"Ausgehend von der Dimension des ausgedachten, geplanten, organisierten und verwalteten Todes durch die Gewaltherrschaft versagen die »normalen« Kriterien für eine alles treffende und umfassende Gestaltung."
 
Trauer wird nicht unmittelbar dargestellt. Jedoch die Dialektik von Krieger - Gräber - Kreuz und dem Mahnmal soll zu Betroffenheit und Trauer führen.

Zu der vorherrschenden Richtungsbezogenheit von Eingang - Rondell - Krieger und Kreuz ist eine zweite bestimmende Achse, im Eingangsbereich beginnend, durch den Gleisabschnitt mit Rampe und Figur errichtet worden.
Die Bahngleise sind Zeichen für Deportation, Flucht, Transport, Warten und Hoffnung.
 
Die quadratische Betonrampe ist Masse gegenüber dem abgesenkten Rund des Ehrenmals. Sie ist der unausweichliche Bestimmungsort, Ort des Geschehens, Endgültigkeit, Ort der Vernichtung und des Todes.

Die weibliche Figur in ihrer aufrechten Stellung auf der Rampe bildet einen zeichenhaften Akzent innerhalb des Geländes. Sie ist in Bronze gegossen, aus dem Schamott gehauen und so belassen, unpatiniert mit Gusskanälen, Steigern und Kernnägeln. Sie bildet durch ihren Werkcharakter, ihre Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit das figürliche Pendant zum liegenden, steinernen Krieger.

Ihr Ausdruck beinhaltet den Versuch, über eine Identifikation mit den Anderen, den «Nächsten«, in dieser Situation zu sich selbst zu finden. Sie hält in den vorgebeugten Armen das Kind; das meint in diesem Zusammenhang den Beginn einer Pietà".


2. Der Stier von Jochem Pechau steht am nördlichen Rande des Marktplatzes.

Der Stier auf dem kleinen Marktplatz bedeutet mehr als eine Anspielung auf die Mündung der Kleinen Viehstraße oder das Coesfelder Wappentier.
Die von außen her ohne Durchbrüche und ausgreifende Bewegung gemeißelte Tiergestalt lässt die kubische Form des Marmorblocks noch erkennen. Sie verstärkt den Ausdruck des Ruhenden, erdhafter Schwere und Kraft.

Nur der Kopf ist ein wenig aus der Achse nach links gewandt. Unten umborden geknickte Schenkel und Hufe die pralle Schwellung des massigen Leibes. Von rückwärts steigt sie an in die Stoßrichtung des gewaltigen, mit Hörnern bewehrten Schädels. In Wellen zurückflatternde Schmuckbänder beleben und zieren die Rundung des Rückens.

Solche Ehrung mit Kränzen und Schmuckbändern galt im alten Ägypten auch dem aus der Herde als besonders wohlgestaltet ausgewählten, makellosen weißen Apisstier, der als Sinnbild männlicher Stärke und Zeugungskraft dem Sonnengott Osiris geweiht wurde.

In Kreta gab es sakrale Stierspiele, in denen im Mittelpunkt der Stier stand, nicht um ihn zu töten, sondern um die Beherrschung der dumpfen, animalischen Triebkräfte spielerisch darzustellen. Ein Fresko im Palast von Knossos stellt Jünglinge dar, die dem Stier entgegentreten, seine Hörner ergreifen und hochgeschleudert über den Stierrücken eine Art Salto mortale vorführen.

3. »Die Konferenz der Elemente« von Jürgen Goertz Marktplatz Coesfeld 1990


Das Zusammenspiel so unterschiedlicher Themen, Ereignisse und Bildformen wie in der Marktplatzgestaltung von Jürgen Goertz erschließt sich nicht auf einen Blick.

"Es braucht eine gewisse Toleranz, auch als Freiraum zum eigenen geduldigen Hinsehen, um die Vielfalt der Darstellungen und ihre Zusammenhänge zu erkennen."
 
Wenn Sie den Marktplatz betreten, sticht Ihnen zunächst die große schwebende Hauptfigur ins Auge. Sie steht im Zentrum der gesamten Anlage.  
Beim Näherkommen öffnet sich der umschließende Kreis und lädt Sie ein, den Binnenraum der Anlage zu betreten.

Dort stehen zwei mächtige Plastiken einander gegenüber, ein Schwein und ein Fisch. Beide befinden sich in ungewöhnlicher Position; sie haben die ihnen zugehörigen Bereiche, eine bepflanzte Erdfläche und ein mit fünf sprudelnden Kugeln besetztes Wasserbecken, bereits verlassen.
 
Wenn Sie die Anlage einmal umrunden, erweist sie sich im ganzen als zentrisch geordnet; alles bewegt sich im Kreis, selbst die abweichende Position des Schweins bezieht sich auf diesen Kreis zurück.

Zwei Segmente - Erde und Wasser - entstehen aus der Formbewegung des Kreises. Die große, zentrale Figur beschreibt bei einer Drehbewegung einen neuen inneren Kreis, der sich auf die Ausdehnung der Binnenflächen bezieht. Trotz dieser Ordnung ist das Verhältnis dieser Dinge zueinander nicht statisch. Fisch und Wasser, Schwein und Erde verhalten sich unterschiedlich zueinander. Die Flächensegmente sind ungleich groß; die Drehung der Hauptfigur stellt immer wieder neue und sich ändernde Beziehungen zwischen den Dingen her, so entsteht ein immer wieder neu begründeter Zusammenhang von Ereignissen: eine variabel und lebendig konzipierte Komposition.

Der Eindruck von wechselnden und beziehungsreichen Zusammenhängen entwickelt sich neu, wenn man die Häuserfronten des weitgehend linear begrenzten Umfeldes der Marktbebauung mit dieser figurenreichen Anlage zusammen betrachtet. Die Zentrik dieser Anlage, die Formenvielfalt ihrer Plastiken, die Bewegungsfähigkeit der großen Figur, treten in eine wohltuende Opposition zu den Fronten der Marktplatzarchitektur.

Aber auch die Größe der Anlage hat eine entsprechende Funktion, so wie die Höhe der Hauptfigur mit ihrer raumgreifenden Entfaltung nach oben hin. Aus dem Blickwinkel eines Besuchers konfrontiert sie sich fast immer mit den Flächen und Giebelfronten der umstehenden Häuser. So entstehen neue Proportionen für die Wahrnehmung des Marktplatzes.

Die Größe des vormals leeren Raumes, aber auch die Größenordnung der Architekturfronten werden optisch reduziert und durch die Vermittlung der neuen Formen deutlicher auf den Menschen und seine Größe beziehbar. Menschen sind im Zusammenspiel all dieser Dinge wieder ein wichtiges Element.

Der Versuch, sich der künstlerischen Konzeption dieser Arbeiten zu nähern, ist sicher spannungsreich. Der Betrachter sieht sich einem zunächst wunderlichen Ensemble gegenüber.

Feuer-Windsbraut, Schwein und Fisch lassen sich auch unter dem Titel «Konferenz der Elemente« nicht ohne weiteres zusammendenken. Aus der prüfenden Umrundung zeigen sich Zusammenhänge, doch erst aus der Nähe werden die vielfältigen Details inhaltlicher und formaler Art sichtbar und einige ihrer Funktionen auch ablesbar.

Eine inhaltliche Verbindung solcher Sachverhalte fällt uns heute nicht mehr schwer. Die entstehende Vision der Bedrohung ist heute öffentlich verstehbar und nachvollziehbar in ihrer Konfrontation mit dem Betrachter.
 Manche Formen sind von frappierender Wirklichkeitsnähe, andere sind Abdrücke von Fundstücken realer Art oder als technische Materialien direkt integriert. Realistischen, ablesbaren Teilen setzt der Künstler abstrahierte Sachverhalte entgegen, verknüpft sie spannungsreich und auf vollkommene Weise. Die große Figur der «Windsbraut« zeigt ein solches Nebeneinander von formalen, technischen und menschlichen Elementen.
Es ist ein Mischwesen, das Menschliches und Technoides miteinander verbindet und integriert.

Hinten sieht der Betrachter zwei Raketenstümpfe mit grün patiniertem Ausstoß, davor einen gebuckelten Rumpf, der übergeht in weitere röhrenartige Rumpfteile, die an Kanonenrohre, Raketen- oder Flugzeugkörper erinnern können.

Dieses «Körperteil« der Figur wird überhöht durch zwei steil aufragende metallische Flächen, wie Flügel. Nach unten geneigt, ragt hieraus ein großer Kopf, halb realistisch, menschlich verändert, beschädigt, mit Tränenläufen patiniert. Sein Blick verknüpft sich mit den Szenen unter ihm. 
 
Vertrauter erscheint dem Besucher zunächst das Schwein, das ja in einigen durchaus realistischen Merkmalen seiner Gattung entspricht. Darüber hinaus ist es eine gewaltige, überdimensionierte Form, ein Schwein von barock schwellender Kraft, und doch kein intaktes Wesen.
 
Auf der Schwarte sind Wunden, schwärende Abdrücke, amorphe Gebilde, besetzt mit Verletzungen. Es sieht so aus, als wäre das Schwein mit einem gewaltigen Sprung in die Leere der Fläche hineingesprungen - im Sprung gestoppt und in die Knie gezwungen, die Fängergabel noch im Rücken: ein sich wehrender kraftvoller Akt des Ausbruchs, letztlich eine unerwartet gespannte, dramatische Situation, inhaltlich nicht weiter auflösbar, aber im Kontext zur ganzen Anlage, schon durch seinen Standort, ein Protest.
 
Auch der am Ende des Beckens stehende Fisch ist von gewaltigem Volumen. Aber er besitzt nicht die vitale Kraft des Schweins.
Er ist eher ein mutandes Wesen, das die Veränderungen seiner Art auf den Oberflächen seines Körpers in deutlichen Strukturen ablesbar macht. Der gewaltige Rumpf scheint überzogen zu sein mit einer fremden Haut. Maul und Kopf weisen amorphe Schwellungen auf, darin, wie eingelegt, ein kleinerer Fisch.
 
Darunter befinden sich Kopffüßerformen mit plastisch positiv wie negativ ausgebildeten Strukturformen von Ammoniten. Andere Flächen sind besetzt mit skelettierten Formen, mit nicht näher bestimmbaren organischen oder vegetativen Erscheinungen.
 
 Überraschend ist seine Position zum Wasser. Der steil erhobene Körper des Fisches steht auf dem Beckenrand. Abgewendet, stößt er nach hinten das Wasser wieder aus.
Das Ganze ist sicherlich ein dramatisch strukturiertes Kunstgebilde, in dem sich Organisches, Vegetatives und Amorphes integrieren;

es ist aber auch wie eine Metamorphose aus Vergangenheit und Gegenwart, dargestellt als ein Vorgang von vielfältigen Verletzungen und Veränderungen.
 
Der in der Fläche größte Teil der Gesamtanlage, das Wasserbecken, unterscheidet sich deutlich von den anderen Plastiken. Es besitzt eine sanft schwingende und harmonisch geometrisierte Grundform. In der Wasserfläche stehen fünf Kugeln als Wasserspeier. Ihre Abstände und Größenveränderungen sind geregelt, sie sind gleichmäßig verändert. Formal zeigt sich, trotz des sprudelnden Wassers, ein ruhig und ausgewogen entwickeltes System harmonischer Beziehungen, die im Kontext aller Zusammenhänge eine besondere Funktion besitzen. Sie sind Brücke, Möglichkeit der Distanznahme, auch ein Gegengewicht, das den Gesamtzusammenhang der unterschiedlichen Inhalte und Erscheinungsformen ausbalanciert.

Das kritische Gleichgewicht aller Dinge bleibt lebendig und wird hierdurch getragen.
 

Biographie des Künstlers Jürgen Goertz

1939 in Albrechtshagen geboren

1962 Studium an der Werkkunstschule Hannover

1963 bis 66  Studium der Bildhauerei an der Hochschule für bildende Künste  Karlsruhe bei Prof. Wilhelm Loth, Examen für Kunsterziehung

1966-68   Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes

1968-69   DAAD-Aufenthalt in London an der Camberwell School of Art

1971-72   Gastlehrauftrag an der Hochschule für bildende Künste Karlsruhe

1972-73   Villa-Massimo-Preis Rom

1973        Preis der Bundesrepublik bei der »xxi biennale internazionale därte«  in Florenz

1975        Arbeitsstipendium des Kulturkreises im BDI

1978        Berliner Kunstpreis 78

1975-90   Gewinn und Ausführung vieler Wettbewerbe in Städten des
               In- und Auslandes 

            - zahlreiche Arbeiten befinden sich in Museums- und Privatbesitz.

Text: Dr. Jörg Heydemann

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